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 Streak Running

Sind “Streaker” wie ich Bekloppte? Oder “nur” laufsüchtig? Oder doch mit einem ganz besonders ausgeprägten “Psycho-Defekt” geschlagen?

Hand auf´s Herz - welcher leidenschaftliche Läufer ist schon “normal”, wie auch immer man diesen Zustand definieren will? Läufer sind in jeder Hinsicht in Bewegung, so daß eine Zustandsbeschreibung ihnen ohnehin nicht gerecht werden kann.

Streak-Runner laufen jeden Tag. Und wenn ich sage: jeden Tag, dann heißt das tatsächlich täglich. 365 Tage im Jahr (wenn es denn eine solch lange Streak, also ununterbrochene Serie von Tagen mit Lauftraining, wird), 52 Wochen, zwölf Monate. Und wenn ein Jahr vorbei ist, dann schließt das nächste daran an.

Deswegen empfinden sich Streaker aber nicht als “bessere”, “wirklichere” oder “echtere” Läufer. Sie wissen ja, Laufen ist für mich weder eine Frage des Tempos noch der Strecke, noch der Häufigkeit - Laufen ist für mich ein “way of life”, eine Passion, eine Leidenschaft, ein inneres Glühen, das nur Gleichgesinnte aneinander erkennen. Ich will Sie also gar nicht zum Streaken überreden. Lediglich ein wenig näherbringen möchte ich Ihnen diese Spielart des Laufens, Ihnen den Mut machen, es einfach mal, aber nur, wenn Sie es wirklich wollen und reizvoll finden, für sich auszuprobieren. Vielleicht finden Sie schon nach wenigen Tagen für sich heraus, daß Streaken nichts für Sie ist, vielleicht aber entdecken Sie auch als langjähriger Läufer interessante neue Facetten an diesem an solchen ohnehin so reichen Sport.

Meine längste Streak, die beinahe 3 Jahre anhielt, bis ich mich einem nicht-laufinduzierten Krankenhausaufenthalt unterziehen mußte, begann am 03. August 2000 und ich hatte eigentlich nicht geplant, eine Streak zu beginnen.

Es hatte sich einfach so ergeben. Und dann war sie da die Streak.Tag für Tag umfangreicher werdend. Sobald man erst einmal eine ansehnliche Reihe von ununterbrochenen Trainingstagen beisammen hat, wirkt dies als selbstverstärkender Prozeß. Dann kommt staunende Anerkennung von außen hinzu, dann die Neugier herauszufinden, wie weit man so eine persönliche Serie treiben kann.

Keine Lust zum Laufen? Wenn der innere Schweinehund all die Annehmlichkeiten - und aus rationaler Sicht - absolut gegebenen Vorzüge eines trainingsfreien Tages herunterbetet, dann steht dem unerbittlich entgegen, daß man am Folgetag wieder bei einer Streak von Null beginnen müßte. Das wäre hart, wenn man schon mal so weit gekommen ist.

Das Erreichen einer runden Zahl, sei es der 100. oder der 750. Tag in Folge, ist jedesmal ein kleiner Feiertag im Trainingsalltag eines jeden Streakers (in jedem Falle ein willkommener Anlaß sich ein neues Paar Laufschuhe oder ein Funktionsfaserteil zur Belohnung zu kaufen), das Anvisieren des nächsten Meilensteines ein Quell der Motivation bei Wind und Wetter die Schuhe zu schnüren und sich auch den weniger angenehmen Seiten der Natur grimmig zu stellen.

Ich glaube man darf nicht alle Streaker über einen Kamm scheren. Sicherlich sind Typen darunter, die schlicht “laufsüchtig” sind und ohne ihren täglichen Auslauf nicht zufrieden leben könnten. Es gibt aber bestimmt ebenso Typen (wie ich einer bin), die das Streaken an faulen Tagen als Motivationsspritze brauchen, damit sie ihren Hintern überhaupt aus dem Sessel bekommen. Sie dürfen mir glauben, daß es Tage gibt (insbesondere im November - kalt, naß, neblig, die meisten Selbstmorde finden angeblich in diesem Monat statt), an denen ich die selbstauferlegte Last einer Streak auch durchaus als solche empfinde. Sie dürfen mir aber ebenso glauben - ach was, Sie kennen das Gefühl ja selbst - daß ich mich nach so einem Lauf, zu dem ich an sich keine Lust hatte, ganz besonders gut, zufrieden und ausgeglichen fühle.

Legenden

Der ein oder andere unter Ihnen wird meine persönliche Rekord-Streak von 1073 Tagen vielleicht als imposant empfinden und sich fragen, wie denn jemand es wirklich schaffen kann, so viele Tage in ununterbrochener Reihenfolge zu laufen. Ich versichere Ihnen, daß meine Streak im Vergleich zu den “Meistern” der Streaker-Szene klein und mickerig ist.

Aktuell führt die USRSA (United States Running Streak Association, Inc.), die sich im Jahr 2000 gründete und ausschließlich US-Amerikaner listet, Robert C. Ray als Ranglistenersten, der seine aktuell noch immer gültige Streak am 04.04.1967 startete und seitdem keinen einzigen Tag trainingsfrei geblieben ist.

Der ungekrönte König aller Streaker ist aber - nicht nur für mich - der Brite Ron Hill, dessen Serie am 21.12.1964 begann und bis heute andauert. Von 1964 bis zum 06.03.1991 - halten Sie sich fest - trainierte Hill Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, von Montag bis Samstag zweimal täglich (!) und Sonntag einmal. Ab diesem Datum reduzierte er sein Pensum auf eine Trainingseinheit pro Tag.

Sie mögen vielleicht denken, daß Streaker deshalb an ihren Serien basteln, weil sie nicht schnell genug sind, um sich an Bestzeiten oder Plätzen auf dem Siegertreppchen zu motivieren. Ron Hill nahm an drei olymischen Spielen (1964, 1968 und 1972) teil, war Marathoneuropameister 1969 in Athen, gewann den Boston-Marathon 1970 und wurde Commonwealth-Games-Sieger in persönlicher Bestzeit von 2:09:28. Mit Fug und recht darf man Ron Hill zu den bedeutensten Langstreckenläufern der sechziger und frühen siebziger Jahre zählen - und seine Streak begleitete seine großen, seine leistungssportlichen Jahre auf Weltklasseniveau. Nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn als Wettkampfläufer widmete er sich dem Aufbau seiner Firma, die als eine der ersten Läuferbekleidung auf erstklassigem Niveau produzierte und bis heute unter der Marke, der es seinen Namen lieh, vertreibt.

Das vielfach geäußerte Vorurteil, Streak-Running vertrage sich nicht mit leistungssportlichem Laufen konnte Hill in jedem Falle eindrucksvoll widerlegen.

Regeln

Welche Bedingungen muß eine Streak erfüllen, daß sie eine Streak ist bzw. bleibt? Hier gehen die Meinungen im Detail etwas auseinander (schwierig wird es auf Reisen mit Zeitverschiebung, Datumsgrenzen, etc.), aber im Kern sollte man täglich mindestens eine Meile (ca. 1,6 km) zwischen 0:00 Uhr und 24:00 Uhr ohne technische Hilfsmittel absolvieren und die Streak in geeigneter Weise mit einem Lauftagebuch dokumentieren können. Ich persönlich habe für mich eine Mindestzeitdauer von 10 Minuten als Untergrenze aufgestellt, da ich es für mich  praktischer finde, mich an der Zeit zu orientieren, als an der Streckenlänge, die ich für eine bestimmte Route nicht immer genau kenne. Eine Meile in 10 Minuten ist zudem selbst in meinem Zuckeltrabtempo eine realistische in dieser Zeit absovierte Distanz.

Ein “Auf-Vorrat-Laufen” ist ebenso verboten, wie das Nachholen eines verpaßten Laufes am nächsten Tag. Die Bedingung “ohne technische Hilfsmittel” wurde, zumindest von der USRSA, aufgrund eines Streites innerhalb der Streaker-Community um die Wertung der Streak von Ron Hill eingeführt, der einige Tage lang nach einer Operation jeweils eine halbe Meile mit Krücken auf einem Bein hüpfend absolviert hat und dies (wie wohl die herrschende Meinung) als gültige Läufe wertet. Für die Gegner dieser Hill´schen Auffassung zählt der puristische Aspekt, für die Befürworter die Anstrengung. Wer einmal mit Krücken auch nur langsam gehen mußte, weiß, daß Laufen dagegen kaum anstrengend ist.

Wer kontrolliert die Einhaltung der Regeln?

Niemand. Streaker unterstellen sich einem Ehrenkodex und sind sich und anderen gegenüber ehrlich, was die Einhaltung der Regeln angeht. Endet eine Streak, so wird dies den listenführenden Organisationen umgehend mitgeteilt sofern man sich in eine solche Liste eintragen hat lassen.

 

Praktische Fragen des Streak-Runner-Alltages

  • Kommt beim Streaken nicht die Regeneration zu kurz?

Ja, das kann passieren, wenn man, als noch nicht ausreichend erfahrener und mäßig trainierter Läufer streaken möchte. Die Erfahrung erst, bringt es mit sich, daß sich die somatische Intelligenz entwickelt hat und man die leisen Warnsignale einer aufkommenden Ermüdung bzw. einer beginnenden Verletzung erkennen und in entsprechende Regenerationsschritte umsetzen kann. Auch wenn man sieben Tage in der Woche läuft, so gibt man sich selbstverständlich auch als Streaker nicht siebenmal pro Woche voll die Kante. Leichte und schwere Tage und ebensolche Makrophasen im Laufe eines Trainingsjahres wechseln einander ab, so wie ich dies im Kapitel “Training” im allgemeinen Fall geschildert habe. Während ein Nicht-Streaker ein, zwei lauffreie Tage pro Woche nimmt, macht der Streaker eben einen lockeren, unangestrengen und ggfls. zeitlich reduzierten Erholungslauf. Aktive Erholung eben.

  • Was macht man, wenn man verletzt oder krank ist?

Dies ist in der Tat ein Problem, von dem ich bislang - toi, toi, toi - siet dem Beginn meiner Streak verschont geblieben bin. Sicherlich auch deshalb, weil ich so gut wie jede Verletzung, die man als Läufer typischerweise haben kann, schon irgendwann einmal durchlitten habe und so sehr sensibel auf schwache Signale zu reagieren in der Lage bin. Außerdem kenne ich die für mich (!) funktionierenden Strategien der Verletzungsbehandlung. Sie sehen, wie wertvoll und wichtig für einen Streaker eine gehörige Portion Erfahrung ist. Anfänger, die vielleicht mit dem Streaken liebäugeln, sollten dies unbedingt bedenken.

Abgesehen davon: In den meisten Fällen typischer Verletzungen ist es nicht nötig eine komplette Laufpause einzulegen. Zehn Minuten lockeres Traben sind so gut wie immer drin. Verlassen Sie sich diesbezüglich aber unbedingt auf das Urteil Ihres lauferfahrenen Arztes. Mein”Leibarzt” in laufbedingten Verletzungsfragen, der ehemalige deutsche Marathonmeister und Orthopäde Dr.Toni Gorbunov, hat mir noch nie einen einzigen lauffreien Tag aufgebürdet - und er hatte mit seiner Behandlungsstrategie bislang immer den richtigen Riecher. Ich habe so viel von ihm über meinen Bewegungsapparat gelernt, daß ich nun schon viele Jahre nicht mehr in seiner Praxis war - das hat er nun davon.... .

Im Falle infektiöser Erkrankungen, grippaler Infekte u.ä. droht Todesgefahr durch Herzmuskelentzündung, wenn man gegen die Infektion anlaufen will. Daher unbedingt die Meinung des Arztes einholen! Als mich im Frühjahr dieses Jahres eine heftige, fiebrige Bronchitis heimsuchte erlaubte mir mein Arzt zehnminütiges Laufen in der Wohnung. Ob man nun warm eingepackt den Flur rauf und runter läuft oder im Freien, macht aus der Sicht des Streakers keinen Unterschied. Wer ein Laufband hat, der läuft schließlich auch in geschlossenen Räumen.

Bei aller Liebe zum Laufen und bei aller Trauer um eine evtl. krankheits- oder verletzungsbedingt gerissene Streak: Die Gesundheit hat immer Vorrang vor dem Sport, das möchte ich ganz ausdrücklich betonen.

  • Wie findet man die Zeit, täglich zu laufen?

Eine, nicht nur von Streaking-Interessierten, häufig gestellte Frage. Jeder von uns muß Beruf, Familie, Freundeskreis etc. unter einen Hut mit dem Sport bringen und das ist nicht immer einfach. Aber es ist machbar. Ein paar Tipps, die nicht nur für Streaker nützlich sein könnten:

  • Machen Sie sich einmal die Mühe und analysieren Sie einen typischen Tag in ihrem Leben, eine typische Woche wäre noch besser, und suchen Sie gezielt nach “Zeitkillern”, also Aktivitäten, die sinnlos Zeit vergeuden. Gibt es bei Ihnen nicht? Mal sehen:
  • Wie viel Zeit bringen Sie im Schnitt pro Woche vor dem Fernseher zu? Sie schauen nur Nachrichten und politische Sendungen, um auf der Höhe der Zeit zu sein und können darauf nicht verzichten? Legen Sie sich ein Scan-Radio zu, und hören Sie ihr Polit-Programm während des Laufens.
  • Sie kommen am Morgen nicht aus den Federn, weil Sie bis um ein Uhr einen ach so spannenden Krimi geguckt haben? Dazu brauche ich wohl nichts zu sagen.
  • Sie stehen fast täglich eine halbe Stunde im Stau? Dann deponieren Sie an ihrem Arbeitsplatz Ihre Arbeitskleidung, laufen Sie, sofern an Ihrem Arbeitsplatz eine Duschgelegenheit zu finden ist, zur Arbeit oder laufen Sie von der Arbeit in den mitgebrachten Laufsachen nach Hause. Benutzen Sie am nächsten Tag den Bus für den Weg zur Arbeit, wenn das Auto in der Firma steht.
  • Sie sind durch kleine Kinder angebunden? Machen Sie mit Ihrem Partner einen Zeitplan, so daß Sie beide Zeit zum Laufen finden. Der eine paßt auf die Kinder auf, der andere trainiert. Oder kaufen Sie sich einen Baby-Jogger.
  • Tragen Sie Ihre Trainingseinheiten als Termine mit sich selbst in Ihren Terminkalender ein. Mit Top-Priorität vor allen anderen Terminen.Tun Sie Ihr Lauftraining nicht als irgendeinen Quatsch ab - Ihre Gesundheit, Ihr Wohlbefinden und Ihre Leistungsfähigkeit hängt von Ihrem Training ab, so manches Problem, über dem man am Schreibtisch vergeblich grübelt, löst sich bei einem Läufchen oft in wenigen Minuten fast wie von selbst.
  • Ihre Freunde und Bekannte laufen nicht und Sie wollen mit ihnen Zeit verbringen. Entweder Sie schaffen es, den ein oder anderen Bekannten durch Ihr Vorbild und die Begeisterung, die Sie als Läufer ausstrahlen zum Laufen zu bringen, oder Sie suchen sich andere Freunde - z.B. in einem Laufverein oder Lauftreff.
  • Ihr nichtlaufender Partner/Partnerin nörgelt ständig an Ihnen herum, daß Sie zu oft Laufen und zu selten zu Hause sind? Machen Sie ihm/ihr klar, wie wichtig das Laufen für Sie ist und welche positiven, facettenreichen Wirkungen es auf Sie hat. Normalerweise wird dies Ihr Partner verstehen und das Thema ist erledigt. Falls nicht: Verfahren Sie so, wie mit den Freunden und Bekannten, auch wenn es im ersten Moment schwer fallen sollte. Sie müssen wissen, wo Ihre Prioritäten sind. Für echte Läufer gibt es da keine Kompromisse. Es geht um Sie, um Ihre psychische und physische Gesundheit.

Auf den Punkt gebracht: Auch für Streaker dreht es sich letztlich um ein tägliches Zeitfenster von ungefähr 30 Minuten für das Minimalprogramm - inklusive Umziehen und Duschen - zur reinen Vermeidung des Reissens einer Serie. Eine lausige halbe Stunde sollte auch für supergestreßte Berufstätige oder Hausfrauen/-männer drin sein, wenn man seine Gewohnheiten selbstkritsich und mit gutem Willen hinterfragt.

Hinweis auf weitere themenbezogene Publikationen von mir:

Robert Bock: STREAK RUNNING - was ist das?, in: Ultramarathon, 19.Jahrgang, Heft 3/2004, S.65-68

Robert Bock: Bekenntnisse eines Streak-Runners, auf: www.triathlon-szene.de 20.11.2009

Robert Bock: Zehn gute Gründe Streak-Runner zu werden, auf www.triathlon-szene.de 02.02.2010

 

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